SOMMER. LIEBE. SOMMERLIEBE?





 

Christian Schaefer spielt und singt Texte und Lieder

                                                                                  

von Gottfried Benn, Annemarie Bostroem, Bertolt Brecht,

Wilhelm Busch, Joseph von Eichendorff, Johann Wolfgang

von Goethe, Heinrich Heine, Else Lasker-Schüler,

Elisabeth Martienssen, Karl Valentin.

Eingeflochten sind Briefe Goethes an Charlotte von Stein und Christiane Vulpius.




Erklär mir, Liebe

(1956)


Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,

dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,

dein Herz hat anderswo zu tun,

dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,

das Zittergras im Land nimmt überhand,

Sternblumen bläst der Sommer an und aus,

von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,

du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,

was soll dir noch geschehen –


Erklär mir, Liebe!


Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,

die Taube schlägt den Federkragen hoch,

vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,

der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt

das ganze Land, auch im gesetzten Park

hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.


Der Fisch errötet, überholt den Schwarm

und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.

Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.

Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;

hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,

daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,

und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!


Erklär mir, Liebe!


Wasser weiß zu reden,

die Welle nimmt die Welle an der Hand,

im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.

So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!


Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!


Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:

sollt ich die kurze schauerliche Zeit

nur mit Gedanken Umgang haben und allein

nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?

Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?


Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn ...

Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander

durch jedes Feuer gehen.

Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.


Ingeborg Bachmann (1926 - 1973)